Die Chancen der Kunststadt Winterthur.

Am 22. Mai hat der Grosse Gemeinderat zum Geschäft-Nr. 2017.17 eine positive Entscheidung abgelegt. Was also zuerst einmal unspektakulär und bürokratisch klingt, hat eine nicht zu unterschätzende Tragweite: Die Subventionserhöhung an den Kunstverein Winterthur von 350 000 Franken auf neu 1,12 Mio. Franken. Damit wurde ein unverzichtbarer Meilenstein in der Umsetzung des städtischen Museumskonzepts gesetzt und somit der organisatorischen Zusammenführung von Kunstmuseum, Museum Oskar Reinhart und Villa Flora grünes Licht gegeben. Auch über zwei Monate nach diesem Entscheid ist es vor allem eine Chance für Winterthur. Eine Chance, die auch der Kanton erkannt hat und das Vorhaben ebenfalls unterstützt, woraus die Beitragserhöhung um 700 000 Franken (neu 1.2 Mio) und max. 5 Mio. Franken für den Umbau, sowie 2,75 Mio. für den Kauf der Liegenschaft Villa Flora resultieren. Winterthur hat kulturell bereits viel zu bieten, doch als Stadt ohne See oder Berge stellt sich die Frage nach einem Standortfaktor. Die Stadt besitzt eine einmalige Dichte an hochrangingen Kunstwerken mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Die Namen der Sammler Reinhart und Hahnloser sind international bekannt. Nun bietet sich das Potential, sich als Kunststadt auf dem bronzenen Podest direkt hinter Basel und Zürich zu positionieren. Denn an Qualität mangelt es den Winterthurer Sammlungen keinesfalls, so kann künftig ein Spektrum vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart gezeigt werden. In unserer globalisierten Zukunft werden wohl auch nur die grösseren Museen eine Chance haben, überhaupt von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Und die Gesellschaft in Winterthur wird im Jahr 2040 laut kantonalen Prognosen rund 140 000 Einwohner zählen – 27 000 mehr als heute. Kunst und Kultur können als bildendes Gut Identifikationspunkt dieser vergrösserten Gesellschaft werden. Dieses Wachstum bietet somit Chancen. Aber es genügt nicht, lediglich eine Erhöhung der öffentlichen Leistungen zu erwirken. Dieses Geld soll in erster Linie ein Fundament für erste, effizienzsteigernde Umstrukturierungen und hoffentlich auch erste Erfolge bilden. Was es letztlich benötigt sind unternehmerisches Handeln und den Einsatz, zusätzliche Mittel aus privater Hand zu generieren. So lässt sich Grosses erzielen. Ebenso muss die Sammlung Reinhart am Römerholz – hoch oben am Waldrand – gefühlsmässig näher in die Stadt gelangen, obschon sie in Bundesobhut liegt und deshalb fälschlicherweise im Museumskonzept quasi unerwähnt bleibt. Für das Publikum ist nicht die Eigentümerschaft, sondern das kulturelle Gesamtangebot relevant. Wobei die Publikumszahlen erheblich Verbesserungspotential aufweisen: Im Jahr 2015 besuchten nur knapp 90 000 Besucher das Kunstmuseum, die beiden Reinhart-Museen sowie die Villa Flora. Zum Vergleich verbuchte das Kunsthaus Zürich im selben Jahr 290 000 Eintritte. Mit der Neuorganisation und dem neuen Markenauftritt der hiesigen Kunstmuseen ab Januar 2018 bietet sich hier die Chance, eine bessere Präsenz zu erzielen. Diese Präsenz kommt der ganzen Stadt zugute und kann eine ungemeine Strahlkraft entwickeln. Zur schweizweiten Nummer 3 ist es noch ein weiter Weg, doch es lohnt sich, diesen zu gehen und zu entwickeln. Es ist und bleibt eine Chance für Winterthur. Raphael Perroulaz, 13.8.2017, 116. Jahrgang, Nr. 225.