Eine neue Urbanität für Winterthur

Was macht eigentlich eine Stadt aus? Ist eine Stadt blosse Ansammlung von Häusern und Strassen oder braucht es doch mehr? Anhand des neuen Stadtteils Neuhegi im Osten von Winterthur soll dies analysiert werden…

In den Visionen Winterthurs wird von einer zukünftig "bipolaren Stadt" gesprochen. Bipolar deshalb, weil sich neben dem heutigen Stadtzentrum Altstadt-Neuwiesen-Sulzerareal ein zweites Stadtzentrum Neuhegi-Grüze entwickeln soll. Mit den drei Bahnhöfen Oberwinterthur, Grüze und Hegi sowie der Sulzerallee als verkehrstechnisches Rückgrat steht ein effizientes und leistungsfähiges Infrastrukturnetz zur Verfügung, was die Entwicklung fördert. Die Umfelder der Bahnhöfe stehen noch im Ausbau. Momentan sind die Pläne der sogenannten Querung Grüze öffentlich einsehbar – eine grosse Brücke über den dortigen Bahnhof als neue ÖV-Verbindung zwischen Zentrum und Neuhegi. Ein Überlegungsfehler ist jedoch, die Brücke lediglich für den Busverkehr zur Verfügung zu stellen, denn Mobilität soll auf verschiedenen Kanälen stattfinden.

Der Stadtforscher Walter Siebel erwähnt in seinem Buch "Was macht eine Stadt urban?" von 1994 die Definitionen von Urbanität, welche von einer Stadt die Erfüllung von vier Funktionen wie Wohnen, Arbeit, Erholung und Verkehr verlangt. Gewiss entsteht durch blosse Addition dieser Elemente noch keine urbane Stadt. Denn Urbanität ist das Resultat einer zeitlich längeren Entwicklung, welche auch gesellschaftliche Prozesse beinhalten muss und sich nicht nur durch die gebaute Landschaft ergibt. Klassischerweise verbinden wir urbane Qualität mit der Dichtheit an Funktionen, die sich auf demselben Raum abspielen – doch dies ist heute schwierig nachzubilden. Als gelungenes Beispiel lässt sich die HafenCity in Hamburg erwähnen. Das ehemalige Hafengelände wird dort seit erst 15 Jahren sukzessive entwickelt und überbaut und besitzt trotzdem bereits städtisches Leben.

Wie soll man sich nun dieses zweite Stadtzentrum in Neuhegi vorstellen? Zuerst muss man sich von der Phantasie einer historisch gewachsenen Altstadt lösen. Vergleichen wir nun die obigen Definitionen mit den geplanten Funktionen, steht es gar nicht so schlecht um Neuhegi. Allerdings ist eine breite Palette von Verkehr wichtig, da dieser auch zum städtischen Leben beiträgt. Grosses Potential liegt in der Arbeitsplatzdichte. Unternehmen sollen die Strahlkraft der Stadt erkennen und ihren Standort im lebendigen Winterthur statt im Agglomerationsbrei um Zürich bauen. Für Erholung ist mit dem Eulachpark und dem geplanten Parkband bis zum Bahnhof Hegi ebenfalls gesorgt. Um diese Grünzonen gruppieren sich bereits heute dichte Wohngebiete, die an den Central Park in New York erinnern. Weshalb wurden jedoch bisher Überbauungen mit höchstens 6 Geschossen gebaut? In einem neuartigen Gebiet wie Neuhegi müssten 8 oder sogar 9 Geschosse erträglich sein. Auch in Zeiten von knappem Wohnraum würde ein hochverdichteter Stadtraum dazu beitragen, den Einwohneranstieg baulich zu lösen. Noch besteht die Möglichkeit, Neuhegi mit städtebaulich gut situierten Hochhäusern, dichten Überbauungen und genügend öffentlichem Raum urbanen Glanz zu verschaffen. So lässt sich resultieren: Neuhegi wird dicht – aber genug?

Raphael Perroulaz, 13.12.2017, 116. Jahrgang, Nr. 347, www.wandzeitung.ch