«Aktive Gemeinden als Zahnräder der Schweiz»

― Raphael Perroulaz, Präsident Jungfreisinnige Winterthur

Liebe Zeller,
liebe Chollbrünnler,
liebe Langeharder (oben und unten!),
liebe Rikemer,
liebe Tösstaler,
liebe Festgemeinde,
… so, nun sollten glaube ich alle angesprochen sein
ah nein! Die Leute aus Rämismühle noch nicht!

Es freut mich sehr, heute vor Ihnen zu stehen und meine erste Rede zum Nationalfeiertag bei Ihnen in Zell halten zu dürfen. Herzlichen Dank der Gemeinde Zell und dem Armbrustschützenverein Langenhard für die Einladung und Ihnen allen für den Besuch. Aber wieso freut es mich besonders, bei Ihnen in Zell zu sein? Ich fühle mich ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt.

Ich wurde am 5. September 1992 in der Stadt Winterthur geboren und am 6. Dezember 1992 in Zell getauft in der schönen, markanten Kirche aus dem 16. Jahrhundert mit dem roten Turmdach. Erinnern kann ich mich aber natürlich nicht. Als Kind war ich oft beim Wasserfall Giessen im Königstal, oberhalb von Zell. Ich erinnere mich noch gut an die „meterlangen“ Eiszapfen, welche für ein Kind ja doch einen grossen Reiz ausüben. Mit meinem Vater, der übrigens in der Region aufgewachsen ist, besuchte ich oft mein Grosi hier oder war im Restaurant Zeller Stübli für einen Nussgipfel. Oder vielleicht habe ich hier auch erstmals an einem Bier genippt?

Ich fand Zell aber seit meiner Kindheit eine etwas merkwürdig organisierte Gemeinde: Die Gemeinde heisst Zell, aber wo steht das Gemeindehaus? In Rikon. Wohl ein Zeichen für die ausgewogene Mitte, so liegt Rikon ja zwischen Kollbrunn und Zell. Aber vielleicht erklärt mir das nachher noch jemand?

Bei der Vorbereitung für den heutigen Abend bin ich auf das Motto Ihrer Gemeinde gestossen: «natürlich – sympathisch – aktiv». Aber, und man glaubt es kaum, eine Schnecke im Wappen! Quasi zur Schau gestellte Langsamkeit und Trägkeit. Aber ist das so?! (Publikum: „Nein!!“). Ich habe mir dann auferlegt, dieses Motto zum Thema meiner Rede zu machen, weil es eigentlich nicht nur zu Zell, sondern auch gut zur Schweiz passt. Zell, quasi ein Swiss Miniatur. Weil das Motto beschreibt drei typische Schweizer Eigenschaften:

Natürlich
In Ihrem Motto reden Sie Natürlichkeit an. Neben dieser landschaftlich schönen Gegend, wo wir uns heute befinden, steckt aber noch mehr dahinter. Weil auch Geradlinigkeit und Präzision liegen in der Natur des Schweizers. Oder auch Bescheidenheit. Zudem besitzen die Schweizer die Fähigkeit, sich für ihre Interessen nicht verbiegen zu lassen, sondern sich für ihre Interessen einzusetzen! Das ist Swissness!

Und wir feiern heute am 1. August auch unsere Freiheit und unser historisches Erbe. Auf dem basiert das Erfolgsmodell Schweiz, auf das wir zu Recht stolz sein können und ja auch heute feiern. Und trotz Erfolg haben wir es geschafft, bodenständig und natürlich zu bleiben. Dieses freiheitliche Erbe, welches den Grundstein von der Schweiz bildet – Sie kennen ja die Geschichte vom Rütlischwur! – und uns zu dem Land macht, welches wir heute sind. Das soll aber nicht heissen, dass wir wiederholen sollen, was unsere Vordenker bereits gesagt und gemacht haben. Nein, unsere Geschichte und die Einstellung zur persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit soll uns auch in Zukunft leiten und uns helfen, unsere Probleme von heute anzugehen und zu lösen. Es braucht also eine Neuinterpretation der Art, wie man etwas anpackt und auch den Mut, dass man etwas anpackt.

Sympathisch
Die ganze Welt liebt uns. Nicht nur wegen unserer Schokolade, sondern wegen unserer Präzision. Diese macht uns stark. Ja gut, natürlich schon auch wegen der Schokolade. Die kennt man ja.
Auch als Wirtschaftsstandort sind wir sympathisch, weil unsere politische Stabilität macht uns attraktiv für innovative Unternehmen. Sie generieren Wertschöpfung, gute Arbeitsplätze und Perspektiven für uns alle. Aber auch für den Export sind Schweizer Produkte sympathisch – so auch gewisse Pfannen hier aus der Nähe. Im Ausland wird alles, was Swiss made ist, sehr geschätzt, so steht das doch für Präzision, Zuverlässigkeit, Exklusivität und auch Tradition. Die Schweiz hat viel zu bieten und soll das Selbstvertrauen haben, ihre Interessen auch in der Welt zu vertreten. Nur so bleiben unsere sympathischen Werte bestehen.

Auch hier im Tösstal ist Tradition wichtig. Nach dem Rückgang der Textilindustrie im Tösstal haben Sie aber nicht stagniert, sondern vorwärts geschaut. Mit der Wiederbelebung der leerstehenden Industriehallen sind viele neue Betriebe aus verschiedenen Bereichen gekommen. Damit zeigen Sie Ihre Sympathie für Neues und bauen gleichzeitig auf dem geschichtlichen Erbe auf.

Aktiv
Die Schweiz ist wie ein Uhrwerk. Sie besteht aus 2212 Zahnrädern. Jede Gemeinde stellt ein solches Zahnrad im System der Schweiz dar. Damit ein solches System läuft, muss eine Gemeinde aktiv bleiben, gesellschaftlich wie auch politisch. Die Gemeinden befinden sich im Umbruch, Fusionen finden statt und lassen Orte von der Landkarte verschwinden – so übrigens auch meinen Heimatort im Kanton Fribourg.

Menschen ziehen immer mehr in die Städte – aber es geht dabei eben vergessen, dass es die ländlichen Gemeinden auch braucht. Gemeinden, wie Sie eine sind. Trotz den über 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern unterschätzt man Sie vielleicht. Aber in letzter Zeit wird im Tösstal rege gebaut. Ihre Gemeinde wächst seit 10 Jahren um jährlich rund 1.5%, im Verhältnis ist das vergleichbar mit der Stadt Winterthur, welche ja viel wächst. Das Bevölkerungswachstum ist der Auslöser für ausgebaute Verkehrsinfrastruktur. Das ist eine Chance für uns, weil die Schweiz ist ja ein Binnenland. Aber eben ein aktives, international vernetztes Binnenland, wo aus vielen Zahnrädern besteht. Sie hier in der Region kennen sich ja bestens aus mit Vernetzung.

International bedeutend ist auch das Tibet–Institut in Rikon, wo der aktive Unternehmer Jacques Kuhn vielen Tibetern ein neues Zuhause schuf. Das einzige tibetische Kloster ausserhalb von Tibet selber! Als Kind fragte ich mich, wie sich denn manchmal ein tibetischer Mönch nach Winterthur verirrt hat, die Erklärung liegt hier im Tösstal, in Ihrer Gemeinde. Schon erstaunlich. So träge wie eine Schnecke können Sie also gar nicht sein! Gefunden habe ich ein Verzeichnis mit 62 Vereinen. Das zeugt doch von einer lebendigen Gemeinde. Und das ist wichtig, denn wir müssen aktiv bleiben, damit unser Land nicht stillsteht.

Genau das war auch der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, mich in der Politik und der Gesellschaft zu engagieren. Sie fragen sich jetzt vielleicht, wieso denn ausgerechnet bei den Freisinnigen? Mir ist es wichtig, sich für Freiheit und unseren Standort Schweiz einzusetzen. Jeder soll die Freiheit haben, sich persönlich zu entfalten und muss dabei aber eigenverantwortlich handeln. Einzige Einschränkung ist natürlich die Freiheit des Anderen, ganz ohne Regeln geht es nicht. Ein gewisses Mass an Ordnung für eine funktionierende Marktwirtschaft ist nötig. Aber zu viele Regulierungen und Gesetze schwächen das Erfolgsmodell Schweiz – wir müssen also Sorge tragen und beides in einem Minimum halten. Oft werden Regulierungen für ideologische und parteipolitische Zwecke missbraucht…

Der Schweiz steht momentan ein Strukturwandel bevor: Die Bevölkerung wächst auf begrenztem Raum und erfordert mehr Wohnungen und Verkehrsmittel auf Strasse, Schiene und in der Luft. In der Altersvorsorge ist mit der AHV ein gesellschaftlicher Konsens nötig und auch die Gesundheitskosten müssen in den Griff bekommen werden. Als Binnenland benötigen wir zudem gute Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ausland.

Um Lösungen zu finden, muss die Politik unvoreingenommen auf diese Angelegenheiten reagieren können – alte Zöpfe müssen abgeschnitten und mit Mut neu gedacht werden. Unser Land soll visionär weiterentwickelt werden, ohne ständige Beeinflussung von Einzelinteressen. Die Verlockung ist gross, aber die Politik ist ein Dienst am Volk, nicht an sich selbst!

Ich möchte zusammen mit Ihnen – unabhängig von Partei und Gesinnung – die Schweiz und unseren Lebensraum von morgen mit Herzblut mitgestalten, damit sie auch in ferner Zukunft attraktiv und ein Erfolgsmodell bleibt. Was ich Ihnen jetzt noch dafür auf den Weg geben möchte:

  • Bleiben Sie natürlich, mit unserem schönen Land verbunden und geradlinig in Ihrem Handeln!
  • Bleiben Sie sympathisch – aber das muss ich Ihnen ja wohl nicht sagen – weil so bleiben wir auch international attraktiv.

und

  • Bleiben Sie aktiv in Ihrem Umfeld, in Ihrer Gemeinde, in Ihrer, unserer Schweiz!

So, fertig geredet!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Jetzt wünsche ich Ihnen eine schöne 1. August–Feier – geniessen Sie den Abend mit Familie und Freunden bei Cervelat, Feuerwerk und dem Männerchor Kollbrunn.

Raphael Perroulaz
Präsident Jungfreisinnige Winterthur

(Es gilt das gesprochene Wort.)